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FERDINAND HODLER (1853-1918)
FERDINAND HODLER (1853-1918)

Der Niesen, 1910

Details
FERDINAND HODLER (1853-1918)
Der Niesen, 1910
unten rechts signiert 'F. Hodler'
Oel auf Leinwand
38,5 x 49,5 cm
Provenance
Louis S. Günzburger, Genf (bis 1913)
Richard E. Bühler, Winterthur (ab 1913)
Galerie Moos, Genf (1939)
Paul A. Renaud, Genf (1939)
Privatbesitz (höchstens bis 1993)
Privatbesitz (seit 1993)
Literature
Carl Albert Loosli, Ferdinand Hodler. Leben, Werk und Nachlass, Bern 1921-24, Bd. 3, S. 131; Bd. 4, S. 120, Nr. 1646
Werner Y. Müller, Die Kunst Ferdinand Hodlers, Reife und Spätwerk 1895-1918, Zürich 1941, Nr. 412
Walter Hugelshofer, Ferdinand Hodler, Eine Monographie, Zürich 1952, S. 71, Nr. 45 mit Abbildung
Matthias Fischer, 'Der Niesen - ein Berg im Spiegel der bildenden Kunst aus sechs Jahrhunderten', in: Matthias Fischer (Hg.), Der Niesen, Ein Berg im Spiegel der Kunst, Bern 1998, S. 45
Thomas Schmutz, 'Hodler und die Farbe: Ein Blick auf den Niesen', in: Matthias Fischer (Hg.), Der Niesen, Ein Berg im Spiegel der Kunst, Bern 1998, S. 100f mit Abbildung
Jura Brüschweiler, Ferdinand Hodler Fotoalbum, Bern 1998, S. 103
Exhibited
München 1913, Galerie Helbing, Die Sammlung Louis S. Günzburger in Genf, Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen Moderner Meister, Katalog der Auktion vom 11. März 1913, Los 83 mit Abbildung (Niesen)
Thun 1998, Kunstmuseum, Der Niesen - Ein Berg im Spiegel der Kunst, 24. September-8. November 1998, ohne Nr. (Niesen, undatiert)

Lot Essay

Der pyramidal geformte, über dem Thunersee thronende Niesen ist ein zentrales, stets wiederkehrendes Motiv im Landschaftswerk von Ferdinand Hodler. Im Lauf von rund vier Jahrzehnten schuf der Künstler gegen vierzig Gemälde, in denen der markante Berg erscheint. Bereits während seiner Lehrzeit in Thun malte Hodler das auf 2'362 M.ü.M. kulminierende Gebirgsmassiv in zahlreichen Veduten. Auch später, nachdem er sich schon längst in Genf niedergelassen hatte, kehrte der Meister immer wieder ins Berner Oberland zurück und bannte die Felsenpyramide in unterschiedlichen Ansichten und bei verschiedenen Witterungs- und Lichtverhältnissen auf die Leinwand.

Die Jahre von 1909 bis 1912 markieren die Phase der intensivsten und fruchtbarsten künstlerischen Auseinandersetzung Hodlers mit dem Niesen. Während dieser Zeit entstand etwa ein Dutzend Gemälde mit dem Thuner Hausberg als Protagonisten. Standort für die Mehrzahl dieser Werke war das dem Niesen gegenüberliegende Seeufer zwischen Oberhofen und Gunten. Von dort aus präsentiert sich das Massiv als symmetrisches, nahezu gleichschenkliges Dreieck.

Im Sommer des Jahres 1910 nahm der Maler den Berg für einmal von einer anderen Gegend aus ins Visier; nämlich dort, wo die damals soeben eröffnete Niesen-Standseilbahn ihren Anfang nimmt. Hinter Spiez, am Eingang zum Kandertal, an den Hängen zwischen dem damaligen Kurort Bad Heustrich und dem auf einer Anhöhe gelegenen Dorf Aeschi, wo die mit Hodler befreundete Genfer Künstler- und Gelehrtenfamilie Baud-Bovy ein Ferienhaus besass, stellte Hodler seine Staffelei auf und malte die nahe Ostflanke des Niesen in drei unterschiedlichen Fassungen (siehe Abbildung).

Das vorliegende Gemälde ist im Zuge dieser Werkreihe entstanden. Zusammen mit den beiden in den Kunstmuseen von Aarau und Basel befindlichen Bildern 'Der Niesen von Heustrich aus' (1910) bildet es eine kleine, eigenständige Serie, die wesentlich zu Hodlers Ruhm als Erneuerer der Alpenmalerei beigetragen hat (siehe Abbildungen). Im Gegensatz zu den zwei grossen und monumental wirkenden Museumsbildern, die den Berg als eindrücklichen, von einer arabeskenhaften Wolkengloriole umkränzten, dreieckigen Monolithen zeigen, ist das hier zu besprechende Bild eine kleinformatigere Nahsicht auf die Gipfelpartie, die aus dichtem Gewölk in den strahlend blauen Himmel empor ragt.

Die Fokussierung auf den höchsten Punkt des Berges, der spontane Auftrag des auch heute noch ungemein frisch wirkenden Kolorits und die vereinzelt durchschimmernde Leinwand verleihen diesem Gemälde einen höchst authentischen und intimen Charakter. Hier erforschte der Künstler mit akkurater Farbsetzung und kräftigem Pinselstrich die Ecken und Kanten des von Ferne vermeintlich gleichmässig erscheinenden Berges. Der Gipfel des Niesen wird so zu Hodlers Gegenüber, das er - frei von Stilisierung und Überhöhung - mit eindringlichem Blick gleichsam porträtiert. Insofern unterscheidet sich dieser 'Niesen von Heustrich aus' grundlegend von den anderen, stärker auf formale und farbliche Werte ausgerichteten Ansichten des Berges, die der Künstler geschaffen hat. So kann das vorliegende Bild als eines der unmittelbarsten Zeugnisse von Hodlers Sicht auf 'seinen' Niesen und auf die majestätische Bergwelt des Berner Oberlandes gelten.

Bald nach der Fertigstellung fand das signierte Werk Eingang in die umfangreiche Hodler-Sammlung des Genfer Geschäftsmanns Louis S. Günzburger. Bei deren Veräusserung in München im Jahr 1913 wurde es von Richard E. Bühler aus Winterthur erworben und blieb fortan in der Schweiz.

Wir danken Dr. phil. Matthias Oberli, wissenschaftlicher Mitarbeiter Oeuvrekatalog Ferdinand Hodler, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft in Zürich, für den Textbeitrag.
Dieses Gemälde ist im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, unter der Nr. 73'428 als eigenhändiges Werk von Ferdinand Hodler registriert und wird in den Oeuvrekatalog 'Ferdinand Hodler. Die Gemälde' aufgenommen.


The pyramid-shaped mountain Niesen, which towers over the Lake of Thun, is a central, recurring theme in Hodler's landscape paintings. In the course of four decades, the artist created almost forty paintings of this imposing mountain. Already during his apprenticeship in Thun, he painted numerous vedutas of the 2'362 m high massif. Even long after he had settled in Geneva, the artist kept returning to the Berner Oberland to paint the rock pyramid from varying perspectives and in different light and weather conditions.

The years between 1909 and 1912 mark the period of Hodler's most intense and artistically most productive analysis of the Niesen. During this time, he created about a dozen paintings with the mountain as the protagonist. For most of those works, the artist chose a view-point situated on the lakefront directly opposite from the Niesen, between the villages of Oberhofen and Gunten. From here, the mountain presents itself as a symmetric, almost isosceles triangle.

During the summer of 1910, the painter for once chose to portray the mountain from a different perspective; just behind Spiez, at the entrance to the Kandertal, where the then newly opened funicular railway started its climb up to the Niesen. Here, in the mountain village of Aeschi, his friends, the artistic and academic family Baud-Bovy from Geneva, had a holiday cottage. On the slopes between Aeschi and the health resort Bad Heustrich, Hodler set up his easel and painted three different versions of the Niesen's eastern mountainside.
The work at hand is one of the three paintings entitled 'Der Niesen von Heustrich aus' (1910), which were created during that time. Together with the other two works - in possession of the Kunstmuseum Aarau and Basel respectively - it constitutes a small, autonomous series, which has contributed considerably to Hodler's kudos as a renovator of Alpine Painting (see illustrations). In contrast to the two monumental-like museum paintings, which depict the mountain as an impressive triangular monolith garlanded by an arabesque-like gloriole of clouds, this small-format work shows a close-up view of the mountaintop rising through dense clouds into the clear blue sky.

The focus on the mountain peak, the spontaneous application of vivid colours and the canvas shimmering through in places give this painting a highly authentic and intimate character. Here, the artist explored the corners and edges of the seemingly uniform mountain applying an accurate selection of colours and vigorous brush strokes. The peak of the Niesen turns into Hodler's counterpart, which he portrays - free of stylization and exaggeration - with an emphatic gaze. In this respect, this 'Niesen von Heustrich aus' differs fundamentally from the artist's other - more form- and colour-oriented - representations of the mountain. It can therefore be considered one of the most authentic evidences of Hodler's view on 'his' Niesen and on the majestic mountains of the Berner Oberland.

Soon after its completion the signed painting became part of the extensive Hodler colletion of the Geneva businessman Louis S. Günzburger. The collection was sold in 1913 in Munich and the painting was bought by Richard E. Bühler from Winterthur. It has since remained in Switzerland.

We are grateful to Dr. phil. Matthias Oberli, scientific collaborator Catalogue Raisonné Ferdinand Hodler, Swiss Institute for Art Research in Zurich, for this catalogue entry.

The painting is registered as no. 73'428 with the Swiss Institute for Art Research, Zurich, as a genuine work by Ferdinand Hodler and will be included in the Catalogue Raisonné 'Ferdinand Hodler. Die Gemälde'.
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