VORWORT
Als mein Urgroßvater Lehmann Bernheimer im Jahr 1864 seines kleines Geschäft fur Kleider- und Dekorationsstoffe in München gründete, hätte ihm damals selbst der großte Optimist nicht vorraussagen können, daß er und seine Söhne eines Tages stolze Eigentümer des zu ihrer Zeit größten Antiquitäten- und Einrichtungshaus der Welt werden würden. Die Anfänge waren bescheiden, aber von Anfang an durchaus ehrgeizig. Mein Urgroßvater verstand es schon als junger Mann, die Herzen der Damen der Oberschicht zu gewinnen, die offenbar besonders gerne in das kleine jüdische Geschäft kamen, um sich dort mit den neuesten Kleiderstoffen für für die Saison einzudecken, so wie sie es bereits jahrelang beim Vater des Gründers getan hatten, der noch mit seinem Stand von Dult zu Dult, von Stadt zu Stadt zog um auf diese Weise seine Stoffe zu verkaufen.
Zu den Kleiderstoffen kamen Dekorationsstoffe, und sehr bald erhielt Lehmann Bernheimer Aufträge des Hofes. Die Bauwut des jungen, sehr beliebten, bayerischen Monarchen Ludwig II. kam dem Urgroßvater sehr zugute, den schon bald durfte er die Königsschlösser mit Stoffen ausstatten und die Polster der Eisenbahnwagons I. und 2. Klasse liefern. Als der unglückliche König im Jahre 1886 starb, erschien es bereits selbstverständlich, da die für die Beerdigung und Katafalk benötigten großen Mengen schwarzen Samtes vom Hoflieferant Bernheimer stammten.
Die darauffolgende Zeit der Regentschaft des Prinzregenten Luitpold war bis zum Beginn des ersten Weltkrieges eine Epoche größter Prosperität. Das Haus Bernheimer entwickelte sich ebenso rasant wie die Wirtschaft des Landes. Zu den Stoffen kamen Einrichtungen, Antiquitäten, Kunstgegenstände und Teppiche sowie alte Textilien. In den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann Lehmann seine ersten Teppiche in Konstantiopel zu kaufen ud entdeckte seine große Liebe zur italienischen Renaissance und zur Chinesischen Kunst. 1889 entstand schließlich am Lenbachplatz in München mit einer großen Erweiterung im Jahr 1910 der groößte Kunsthandelspalast der damaligen Welt, im Stil der italienischen Renaissance. Die europäische Hocharistokratie ging im Hause des Königlich Bayerischen Kommerzienrates ein und aus. Bernheimer entwickelte sich zum Spezialisten für die Ausstattung ganzer Schlösser.
Der Gründer konnte mit großer Befriedigung das Geschäft in die Hände seiner drei Söhne geben. Mein Großvater Otto erzählte mir mit verklärtem Blick, wie aufregend seine ersten Reisen als junger Mann nach Florenz gewesen seien, als er waggonweise Truhen, angefüllt mit Textilien, nach München zurücksandte, während sein Bruder Max in Konstantinopel und Frankreich unterwegs war und der dritte Bruder Ernst zuhause in München die Fäden zusammenhielt.
Die Auswirkung des Ersten Weltkrieges waren eigentlich schon der Anfang vom Ende. Rund achtig Prozent der Klientel des Hauses fiel mit den Revolutionen von 1917/18 fort: die regierenden Monarchen Europas, die vielen mittleren bis kleineren Fürstentümer Deutschlands existierten nicht mehr. Zwar kamen jetzt vermehrt die amerikanischen Magnaten wie Randolph Herst, dessen St. Simeon in Kalifornien ganz wesentlich von München aus beliefert wurde. Das Leben war jedoch unter dem neuen Regime nach 1933 immer unerträglicher und am Ende stand schließlich die Emigration. Bezeichnend für die Einstellung der Familie war daß man einerseits, selbst noch nach der "Kristallnacht", nicht daran glauben wollte, daß ihnen etwas zustoßen konnte, andererseits die geliebten Sammlungen, insbesonders die Teppich- und Textilsammlung, rechtzeitig auf verschiedene Klöster in Bayern verteilt wurden, um sie vor der Begehrlichkeit der sammelwütigen Nazigrößen zu bewahren. Als mein Großvater schließlich nach dem Krieg und dem Ende dieser Schreckenszeit wieder in siene Heimatstadt München zurückkehrte, konnte er die Sammlungen wieder in Empfang nehmen.
Die Besuche bei meinem Großvater im Haus am Lenbachplatz zählen zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Das Haus war riesig und in seiner Pracht durchaus auch einschüchternd. (Als ich viele Jahre später, 1985, unsere Galerie in London eröffnete, wurde ich bei einer Party vergestellt mit den Worten "He has a gallery in Munich the size of the Royal Academy" - und das stimmte auch ungefähr!) Wie durch ein Wunder waren die meisten Räume im Krieg verschont geblieben und der Hauch der Gründerzeit-Renaissance bestimmte nach wie vor die Atmosphäre. Mit seinen vielen Stockwerken, seinen dunklen Kellerverließen, vollgestopft mit großer und kleiner Kunst, mit wichtigen Objekten und bric-a-brac zugleich, war es ein sehr beeindruckendes Haus, eine ehrfurchtgebietende Mischung zwischen großem Kunsthandelshaus un Privatmuseum. Es gab eigene Säle für Renaissance, Barock oder Louis XVI; eine ganze Etage beherbergte die Privatsammlung des Großvaters, mit einem Raum voller Elfenbeinkruzifixe, mit unzähligen Meßgewändern und Skulpturen. Mein Großvater war glücklich, sein geliebtes Haus und die Sammlunger wiederzuhaben. Mit großem Stolz breitete er immer wieder seine Schätze aus. Der große Gobelinsaal war der Mittelpunkt des Hauses und dorthin mußte auch alsbald jeder Besucher meinem Großvater folgen. Der spannende Moment kam, wenn er mit einem großen Schlüssel die berühmte Tapetentüre öffnen ließ; dahinter verbarg sich der über drei Stockwerkereichende Teppichtresor mit der Teppichsammlung.
Ein Stockwerk höher befand sich der Saal für Textilien und Stickereien. In großen eingebauten Mahagoni-Schränken lagerten hier die textilen Schätze vieler Jahrhunderte. Schrank für Schrank wurde bei den Besuchen des Großvaters geöffnet. Osmanische Samte, genueser Brokate, venezianische Seiden lagen neben chinesichen Kossu-Geweben in großen, herausziehbaren Schüben.
Mein Großvater war ein taktiler Mensch, mindestens so wichtig wie das Sehen war für ihn das Fühlen. Ich mußte lernen, daß man ein Textil nicht nur intelektuell begreifen und kunsthistorisch einordnen muß, sondern vor allem, seine Persönlichkeit durch die Berührung und das "Erfassen" seiner Oberflächenstruktur verstehen lernen kann. Jeder Besucher wurde von ihm stets aufgefordert, den Gegenstand des Interesses zunächst anzufassen.
Ein Kunsthändler, der zugleich auch sammelt, ist natürlich ständig in Gefahr, sich selbst als Händler im Wege zu stehen. Ist es nich so, daß jedes Objekt in der Privatsammlung eines Kunsthändlers Zeuge für den Sieg des Sammlers über den Kunsthändler ist? Wenn ich mich also heute, nach so vielen Jahren, doch entschlossen habe, die Textilsammlungen meiner Familie zu verkaufen, triumphiert dann der Händler über den Sammler?
Den Bazillus des Sammelns habe ich als Kunsthändler in der vierten Generation leider - vielmehr Gottseidank - auch geerbt. (Gottseidank,denn jeder Kunsthändler, der nicht selbst auch sammelt, ist mir von Grund auf suspekt!). Vor einigen Jahren, als die alte Familienfirma aufgelöst und das große Haus am Lenbachplatz verkauft wurde, habe ich von meiner Familie die Teppich- und Textilsammlungen übernommen. Ich glaubte, wenn ich die Tradition der Firma
weitertragen wollte, so müßte ich auch die berühmten Sammlungen
als "background" haben. Heute bin ich der Meinung, daß ein Sammler
mit seinen Sammlungen in erster Linie leben muß. Als mir eines Tages bewußt wurde, daß ich mit den Sammlungen nicht wirklich lebte,
sondern sie nur noch aufbewahrte, wurde mir klar, daß das eigentlich zu wenig war, und der Bedeutung der Stücke nicht entsprach.
Wenn heute eine neue Sammlergeneration die Gelegenheit erhält, meist unwiderbringliche textile Schätze zu erwerben, Objekte, die zum größten Teil seit mindestens 60-80 Jahren und länger im Besitz meiner Familie befunden haben, und sie in anderen Sammlungen in sicherlich völlig anderm Kontext zu neuem Leben erweckt werden, so bin ich sicher, daßs sich diejenigen, die die Stücke damals "entdeckt" haben, mein Urgroßvater und seine Söhne,darüber freuen würden.
Wenn ich mich also von den Bernheimer Textilsammlungen verabschiede, dann geschieht das mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge.
Konrad O. Bernheimer
im September 1996
FOREWORD
When my great-grandfather Lehmann Bernheimer founded his small dress and decorating fabrics store in Munich in 1865, not even the greatest optimist would have anticipated the fact that he and his sons would one day be the proud owners of the largest antiques and decorating firm in the world at the time. The beginnings were humble, but certainly ambitious. As a young man, my great-grandfather charmed the ladies of the establishment, who obviously rather enjoyed visiting the small Jewish shop to select the latest dress fabrics - just as they had done for years at the founder's father's, who travelled from fair to fair, town to town setting up his stand to sell his fabrics.
In time, upolstery fabrics were added to the stock of dress fabrics and soon thereafter, Lehmann Bernheimer began receiving commissions from the court. Ludwig II's extraordinary building craze was a boon to my great -grandfather, and he soon began supplying fabrics to the royal palaces as well as furnishing first and second class railway cars's interiors. When the unhappy King died in 1886, it went without saying that the masses of black velvet needed for the state funeral ceremony and procession were supplied by Hoflieferant Bernheimer.
Prince Regent Luitpold's ensuing reign proved to be of great prosperity until the beginning of the first World War. Bernheimer's grew as rapidly as the country's economy. Interiors, antiques, decorative objects, carpets and antique textiles were added to the stock. In the late 1870s, Lehmann Bernheimer had begun to acquire his first carpets in Constantinople and discovered his passion for the Italian Renaissance and Chinese works of art. The world's largest Kunsthandelpalast of the time was then built in the Italian Renaissance style on Lenbachplatz in Munich in 1889, and was later considerably expanded in 1910. Europe's high aristocracy frequented the royal Bavarian Kommerzienrat's Kunsthandelpalast and as such, Bernheimer became renowned for specializing in the decoration of palaces in their entirety.
To his great satisfaction, the firm's founder was soon able to turn his business over to his three sons. Dreamy-eyed, my grandfather Otto would tell me about his exciting first trips to Florence as a young man, when he would send wagons of coffers brimming with textiles back to Munich, while his brother Max would travel to Constantinople and France while Ernst, the third brother, remained in Munich to hold the firm's reins. The consequenses of the first World War were truly already the beginning of the end. Virtually eighty per cent of the firm's clientele disappeared with the 1917 - 1918 revolutions. Europe's reigning monarchs and Germany's numerous smaller mid-range principalities no longer existed. Although many of the American magnates like Randolph Hearst, for whom Bernheimer supplied most of the interiors at St. Simeon, purchased frequently, life after 1933 under the new regime became intolerable and no choice remained but to emigrate. Although the family refused to believe that anything could ever happen to them, even after "Kristallnacht", they still chose to hide their beloved collections at various manasteries in Bavaria in order to keep them from falling prey to the collecting fever of prominent Nazis. My grandfather was able to reclaim the collections upon his return to his home town Munich at the end of this time of terror.
Visits to the house on Lenbachplatz with my grandfather belong to my fondest childhood memories. The house was enormous and its splendour intimidating. (Many years later, when I opened our gallery in London in 1985. I was introduced at a party with the remark: "He has a gallery in Munich the size of the Royal Academy" - and that was about right!) It was a miracle that most rooms remained untouched by the War. A touch of Gründerzeit-Renaissance flavoured the overall atmosphere. It was an impressive house, with its many floors and dark cellars stuffed with large and small objects of art, important objects and bric-a-brac - a mixture of a large gallery and private museum. There were rooms solely devoted to the Renaissance, Baroque or Louis XIV. A whole floor housed my grandfather's private collection, which included a room filled with ivory crucifixes, numerous ecclesiatical vestments and sculpture. My grandfather was happy to have his beloved house and the collections returned to him and displayed his treasure with great pride. The large Gobelinsaal was the house's focal point and every visitor to the house ended up following my grandfather into this room sooner or later. The most exciting moment was when my grandfather would ceremoniously have the famous papered door unlocked with a large key - this door led into the depot covering three floors which housed the carpet collection. The upper floor housed the rooms for textiles and embroideries, where what could possibly be considered the largest private collection of textiles was stored. Centuries worth of textile treasures were stored in large custom-made mahogany closets. Each would be opened one by one during my grandfather's visits. Ottoman velvets, Genoese brocades and Venetian silks were folded next to Chinese Kossu weavings in generously proportioned sliding drawers.
My grandfather had a very keen tactile sense. It was as important for him to touch as it was to see an object. I had to learn that one not only had intellectually and art historically to understand a textile, but one also could learn to comprehend its personality by 'grasping' its surface structure. Every visitor was always encouraged to touch the object of desire.
An art dealer who also collects is certainly always in danger of being his own obstacle as a dealer. It is not true that every object in an art dealer's private collection bears witness to the dealer's defeat by the collector - or to the collector's triumph over the dealer? Now that I have decided to offer my family's textile collection for sale after so many years, does the dealer triumph over the collector?
As a fourth generation art dealer, I have unfortunately - or rather - thank God, inherited the collecting bug. (Thank God, as I am quite suspicious of any art dealer who does not collect!) Several years ago, when the family firm was dissolved and the house on Lenbachplatz sold, I took on the family textile collection. I believed that if I were to carry on the firm's tradition, I would have to have these famous collections as a "background". Today I am of the opinion that a collector should live with his collections. When it dawned on me that I really was not living with the pieces but merely storing them as their keeper. I realized that this was actually not doing justice to the collections's importance.
Now a new generation of collectors will be given the opportunity to acquire unique textile treasures, items which for the most part have been in my family's possession for at least 60-80 years or more. The placement of these textiles into new collections, which bring them into a totally different context, will breathe new life into each of them. I am certain this would please my great-grandfather and his sons, who had initially "discovered" these objects, immensely.
As I bid the Bernheimer textile collection farewell, I do so with tears in my eyes but also with a smile.
CONRAD O. BERNHEIMER
September 1996
CHINESE TEXTILES
A shaped panel of dark blue silk
Details
A shaped panel of dark blue silk
woven in kossu with joined small roundels of birds and flowers, joined panels from a 'xia pei' stole--62 x 51in, Chinese, 19th century; and a Chinese front civil rank badge embroidered in coloured silks with an appliqué Silver Pheasant, and the matching rear badge, appliqué missing--11.75 x 11in, 20th century
See Colour Plate 2
woven in kossu with joined small roundels of birds and flowers, joined panels from a 'xia pei' stole--62 x 51in, Chinese, 19th century; and a Chinese front civil rank badge embroidered in coloured silks with an appliqué Silver Pheasant, and the matching rear badge, appliqué missing--11.75 x 11in, 20th century
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